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Tacco

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Excess Verschwörung zur Weltregierung

EXCESS - Mathias Frey

1.20 Uhr. Die Würfel waren gefallen – schon Monate zuvor. Menschen, tausende Meilen entfernt, hatten Entscheidungen getroffen. Existentielle Entscheidungen. Selbst für den zwei Meter großen und sehr sportlichen Tim ›Silk‹ Lewis wäre wegrennen jetzt keine Option mehr gewesen.
    Nachdem er Don’s Bar and Grill, sein abends immer gut frequentiertes Restaurant in Sandrock, einem Tausend-Seelen-Dorf in Nordtexas, aufgeräumt hatte, schloss er die Tür ab. Draußen lockerte er wie nach einem Basketballspiel mit ein paar Dehnübungen seine angespannten Arm- und Nackenmuskeln. Er deutete ein paar Laufschritte an, atmete tief ein und einige Male stoßweise aus und schlenderte dann gemütlich zu seinem Haus, keine hundert Meter von Don’s entfernt. Lewis summte ein Lied vor sich hin. Der Umsatz war gut gewesen an diesem Abend und die Gäste hatten sich anständig benommen. Ein paar Auswärtige, Soldaten, die an einem Manöver in Nordtexas teilnahmen, hatten die Kasse zusätzlich klingeln lassen. Zufrieden sog er die kühle, klare Luft in sich auf. Nur das Zirpen der Grillen und das Knirschen seiner Stiefel durchbrachen die Stille der Nacht. Lewis haderte oft mit der Enge und Abgelegenheit von Sandrock – er würde nicht ewig hier bleiben, dafür war er mit seinen dreißig Jahren zu jung. Aber in Momenten wie diesen ließ er die Atmosphäre des absoluten Friedens gern auf sich wirken.
    Ein Schmerz, kurz wie ein Nadelstich, durchfuhr ihn, als er an Josephina dachte. Seit ihrem Streit vor einer Woche hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Hässliche Worte waren gefallen, grundlose Verdächtigungen ausgesprochen worden. Noch immer konnte er sich nicht dazu durchringen, sie anzurufen oder mit seinem Pick-up ins nur fünfundvierzig Meilen entfernte Amarillo zu fahren. Er schloss die Augen und glaubte, den süßen Duft ihrer Haut zu riechen. Ein Glücksgefühl machte sich in ihm breit. Morgen, spätestens übermorgen, würde er über seinen Schatten springen und sich bei ihr melden. Er würde ihr vorschlagen, sich im Bourbonstreet Café in Amarillo zu treffen, um ihre Versöhnung zu feiern. Dort hatten sie sich vor einem Jahr kennen gelernt. Lächelnd schloss er die Tür zu seinem Haus auf.
    Er zog Cowboystiefel, Jeans und T-Shirt aus, holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und schaltete seinen neuen Fernseher ein. Ziellos und gedankenverloren zappte er durchs Programm und leerte das Bier mit schnellem Zug. Da niemand in Hörweite war, unterdrückte er den lauten Rülpser nicht. Er zerquetschte die leere Bierdose mit einer Hand und warf sie zielsicher quer durch den Raum in den an der Wand angebrachten Basketballkorb, worauf sie scheppernd im Eimer darunter landete, und ging unter die Dusche.
    Gut zehn Minuten später – er war zwar sehr müde, aber von der Arbeit immer noch zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen – holte er ein zweites Bier und setzte sich mit einem Handtuch um die Hüften vor den Fernseher. Wieder schaltete er sich durch Dutzende von Sendern, bis er an der gerade laufenden Wiederholung der Late Night Show auf NBC hängen blieb. Von dieser Sendung würde er sich einschläfern lassen und dann ins Bett verschwinden.
    Er hatte noch nicht einmal über den ersten Witz lachen können, als der Bildschirm plötzlich schwarz wurde und eine sonore Männerstimme mit »This is NBC Breaking News« das Programm unterbrach. Wie aus Marmor gemeißelte Buchstaben drehten sich vor dem schwarzen Hintergrund und formierten sich zu Breaking News, begleitet von dunkel dröhnenden Orgeltönen. Für einen Moment, weniger als eine Sekunde, sah Lewis das Gesicht einer schwarzen Nachrichtensprecherin. Sofort verschwand das Bild wieder und zum zweiten Mal innerhalb einer Viertelminute wurde dramatisch mit »This is NBC Breaking News«, rotierenden Marmorbuchstaben und dröhnenden Orgeltönen eine Eilmeldung angekündigt.
    Die haben wohl die Technik nicht im Griff, dachte Lewis. Wieder erschien dasselbe Nachrichtenstudio, diesmal aber saß die bekannte Judith Roth hinter dem Newsdesk. Lewis stutzte kurz, vergaß dann aber sofort seine Verwunderung über den schnellen Wechsel der beiden Sprecherinnen, als er das Geschehen am Bildschirm verfolgte.
    »Meine Damen und Herren, wir unterbrechen hier unser Programm wegen aktueller Entwicklungen in Europa. Ich bin Judith Roth und berichte live vom NBC Breaking News Desk in New York City.« In diesem Moment wurde im rechten oberen Quadranten des Bildschirms Tote bei Explosion am Flughafen London-Heathrow eingeblendet. Gleichzeitig begann am unteren Rand Breaking News * Explosion fordert Tote in London-Heathrow durchzulaufen. Es folgte eine zweite, statische Textzeile: Developing Story * Stay with NBC Breaking News. Während weniger Sekunden tauchte die Schrift Judith Roth, NBC Breaking News Desk New York City auf.
    Lewis saß aufrecht in seinem Sessel. Judith Roth hielt ihre rechte Hand ans Ohr, während ihr Anweisungen aus der Regie durchgegeben wurden. Dann blickte sie wieder in die Kamera. »Wie vor wenigen Minuten bekannt wurde, hat sich eine schwere Explosion am Flughafen London-Heathrow ereignet. Nach ersten Informationen sind dabei zahlreiche Menschen getötet und verletzt worden. Da sich die Explosion offenbar in Terminal 3 ereignete, in dem auch Flüge aus den USA ankommen, ist es möglich, dass sich auch amerikanische Staatsbürger unter den Opfern befinden.«
    Holy shit!, dachte Lewis. Er zuckte zusammen, als es irgendwo draußen in der Steppe eine mächtige Explosion gab. Die Fenster klirrten in ihren wackligen Rahmen. Er sprang auf, hielt das Handtuch fest, hastete zum Fenster, riss es auf und blickte angestrengt in die dunkle Nacht. Da er nichts sehen konnte, kehrte er zum Sessel zurück und wandte sich wieder dem TV-Geschehen zu. Hat wohl mit dem Manöver zu tun, dachte er.
    Erneut hörte die Nachrichtensprecherin auf die Stimme aus der Regie, bevor sie fortfuhr: »Direkt aus London ist nun via Telefon unser Korrespondent David Gardner zugeschaltet. David, was können Sie uns zum jetzigen Zeitpunkt sagen?«    
    Gardner begann mit großer Routine und der für TV-Reporter notwendigen Eloquenz in der Stimme seinen Bericht. »Judith, die Informationen sind noch sehr unvollständig, aber wir wissen, dass sich kurz vor sieben Uhr morgens Lokalzeit London, also vor etwa einer knappen Stunde, im Terminal 3 des Heathrow-Flughafens, dem größten Flughafen der Metropole, eine schwere Explosion ereignet hat. Nach ersten Angaben der Polizei sind dabei mindestens fünfzig Menschen getötet und wahrscheinlich mehr als fünfhundert verletzt worden. Bereits Minuten nach der Explosion wurde der Flugbetrieb eingestellt.« Gardner unterbrach seinen Monolog. Kurze Pause. Leise hörte man ihn sagen: »Kann das jetzt über den Sender gehen? Okay.«
    Die Moderatorin blickte mit ernster Miene in die Kamera und wartete.
    Gardner setzte seinen Bericht fort. »Wie wir soeben erfahren, wurde in der Zwischenzeit auch der Flugbetrieb an allen anderen Flughäfen von London eingestellt. Scotland Yard und der Inlandgeheimdienst MI5 haben offenbar Hinweise, dass es sich um einen terroristischen Akt handeln könnte. Zurzeit versuchen Rettungskräfte, Ordnung in das Chaos zu bringen und jene Menschen unter den Opfern zu identifizieren, die am dringendsten medizinische Hilfe benötigen. Judith, dies sind die Informationen, die wir zum jetzigen Zeitpunkt haben.«
    »Wo genau befinden Sie sich, David?«
    »Ich befinde mich gerade in der City von London und wir versuchen mit unserem Team so schnell wie möglich den Ort des Geschehens zu erreichen. Judith?«
    »Danke für Ihren ersten Bericht, David. Wie mir die Regie soeben mitteilt, haben wir eine Augenzeugin am Telefon, offenbar eine Passagierin, die sich in Heathrow aufhält und nähere Angaben zum Geschehen machen kann. Hallo, wer ist am Telefon? Bitte sprechen Sie, wir sind landesweit live auf Sendung.«
    Eine aufgeregte Stimme mit britischem Akzent war zu hören. »Hier spricht Julia Atkinson.«
    »Julia, was hat sich in Heathrow ereignet, was können Sie uns berichten?«
    »Es ist schrecklich! Ich bin heute aus den USA in London angekommen, und kurz nachdem ich das Terminal verlassen habe, ich wollte gerade in ein Taxi einsteigen, da gab es einen ungeheuren Knall, so etwas, das kann sich niemand vorstellen.« Die Stimme der Augenzeugin begann zu brechen.
    Sie wird gleich einen Heulkrampf bekommen, dachte Lewis.
    Die Zeugin riss sich zusammen und erzählte weiter. »Die Glastüren sind zerborsten, und dann kamen schon die ersten Menschen aus dem Terminal. Ein Mann ist direkt vor dem Taxi zusammengebrochen, sein Gesicht war blutüberströmt, und in seinen Armen hielt er den Körper dieses kleinen Jungen.« Ihre Stimme stockte wieder. »Der Junge blutete und sein Kopf hing nach unten, ich weiß nicht, er war nicht mehr bei Bewusstsein, vielleicht ...« Julia Atkinson konnte sich nicht mehr beherrschen und begann haltlos zu weinen.
    Lewis glaubte zu hören, wie sie auf den Boden fiel. Dann ertönte ein Klicken und das Schluchzen von Julia Atkinson verschwand. Die Leitung nach London war unterbrochen. Lewis schluckte leer.
    Judith Roth, die Nachrichtensprecherin, blickte mit bedauerndem Blick in die Kamera. »Für all jene Zuschauer, die sich gerade erst zugeschaltet haben, eine kurze Zusammenfassung. Um kurz vor sieben Uhr morgens Ortszeit London, also vor etwa einer Stunde ...«
    Tim Lewis starrte ungläubig auf den Bildschirm. Der herzzerreißende Zusammenbruch der Augenzeugin hatte ihn mitgenommen. Wieder dachte er an Josephina. Er war kein Weichei, aber jetzt musste er blinzeln, um noch scharf sehen zu können.
    »... scheint sich außerdem zu bestätigen, dass es sich um einen terroristischen Akt handelt. Wie soeben gemeldet wurde«, fuhr Judith Roth fort, »wurde in der Nähe des Tatortes ein Bekennerschreiben von einer bisher unbekannten Kampfgruppe Nine Eleven gefunden. Nine Eleven jährt sich morgen zum fünfzehnten Mal.« Während sie sprach, flimmerte eine kurze Bildzusammenfassung des 11. September 2001 über den Schirm. Der Einschlag der beiden Flugzeuge ins World Trade Center; eine dunkle Rauchwolke, die aus einem Loch am Pentagon quillt; der Kollaps der beiden Türme in Manhattan; die Wiese mit der Einschlagstelle eines Flugzeugs in Pennsylvania. »... bei denen dreitausend Menschen ums Leben gekommen sind. Die schreckliche Fratze des Terrorismus hat sich nach einer Phase der Ruhe wieder jäh zurückgemeldet.«
    Lewis wollte nicht mehr warten. Jetzt war der Zeitpunkt, um mit Josephina zu sprechen. Er griff zum Telefon und wählte ihre Nummer in Amarillo.
    »Leider kann zur Zeit keine Verbindung zur von Ihnen gewählten Nummer hergestellt werden«, tönte eine Frauenstimme aus dem Hörer. Er drückte auf die Wiederholungstaste. Wieder dieselbe Ansage.
    »Verdammt!«, fluchte er ins Telefon. Vielleicht werden bei der Telefongesellschaft Wartungsarbeiten durchgeführt, versuchte er sich die Situation zu erklären. Er hätte jetzt so gerne Josephinas Stimme gehört! Morgen früh würde er es wieder probieren. Der Gedanke tröstete ihn.
    »Wir schalten nun noch einmal zu David Gardner, der offenbar weitere Informationen hat. David?«
    »Judith, ich befinde mich gerade auf dem Weg nach Heathrow, deshalb ist es möglich, dass die Tonqualität nicht optimal ist.« Die Stimme von Gardner klang digital zerhackt, wie bei einer schlechten Netzverbindung. »... wird nun von der Polizei bestätigt, dass es sich um einen Terrorakt handelt. Die Zahl der Opfer wird mittlerweile mit mindestens einhundertfünfzig Toten und siebenhundert Verletzten angegeben.«
    Nach einer Viertelstunde wurde Lewis von Müdigkeit übermannt und hörte nur noch Bruchstücke. »... Premierminister wird sich in Kürze an die Öffentlichkeit wenden ... das ganze Gebiet um den Flughafen weiträumig abgesperrt ... nicht sicher, ob wir es bis zum Flughafen schaffen ... eines der schrecklichsten Attentate in der Geschichte Europas ... massive Konsequenzen angekündigt ...«
    Dann verlor Lewis den Kampf gegen die Müdigkeit und alles wurde schwarz, als er in seinem Sessel in tiefen Schlaf sank.

EXCESS - Mathias Frey